Archiv für Februar 2009
Von einem der auszog das Fürchten zu lernen
Eine vierwöchige Frist. Danach muss ich eine kurze Horrorerzählung abliefern: der Schwerpunkt einer kreativen Hausarbeit, die ich bis Ende März abzuliefern habe. Eine kurze Geschichte von acht bis zehn Seiten Länge. Gäbe es eine Hausaufgabe, der nicht nicht lieber nachkäme?
Die einzigen Einschränkungen: keine Science-Fiction Elemente verwenden und eine Situation aus dem Alltag in unsere Erzählung einzuflechten. Darüber kann man sich nicht beschweren.
Als Vorbilder wurden uns die altvorderen Meister des Grauen – Edgar Allen Poe und H. P. Lovecraft – nahe gelegt. Auch Kafkas subtile-surrealistisches Darstellung der Angst sei als Quelle der Inspiration ebenfalls zu empfehlen.
In der Zeit der Entstehen der kurzen Erzählung werde ich mir einige Verfilmungen von Horrorklassikern zusammen mit Ric ansehen.
März ist auch der Monat der Klausuren.
Eraserhead
Dem sich im Urlaub befindlichen Henry Spencer (Jack Nance) wird von seiner Nachbarin (Judy Anna Roberts) die Einladung seiner Ex-Freundin Marry X (Charlotte Stewart) zum Essen bei deren Eltern überbracht.
Die Familie empfängt den paranoid wirkenden jungen Mann mit der merkwürdig abstehenden Frisur ohne dass sie ihn besonders erwarten würde. Mr. X (Allen Joseph), Marrys Vater, gerät aus der Fassung, in der Küche sitzt die katatonisch wirkende Großmutter, die von Marrys Mutter (Jeanne Bates) in die Zubereitung des Salates eingebunden wird und der sie daraufhin eine angezündete Zigarette in den Mund steckt.
Während des Essens fängt das synthetische Hühnchen an die gebraten Flügel zu schlagen und eine Menge Blut tritt aus als Henry versucht das Fleisch anzuschneiden. Alle Familienmitglieder reagieren daraufhin merkwürdig. Später verhört Marrys Mutter Henry um zu erfahren, ob er mit ihrer Tochter Verkehr hatte. Mutter und Tochter berichten ihm, von der ungewöhnlichen kurzen Schwangerschaft Marrys und der Geburt eines sonderbaren Säuglings, von dem Henry Vater sein soll.
Eraserhead wirkt wie ein Alptraum aus einer kafkaesken Welt, welche durch sureale und gleichzeitig morbide Bilder beschrieben wird und dessen verstörende Handlung dem Zuschauer verschiedene Deutungen ermöglicht. Am interessantesten empfand ich die Szene, in welcher Henry seinen Kopf verliert, die daraufhin in einer Blutlache versinkt, um in der nächsten Szene vom Himmel zu fallen, von einem Straßenjungen aufgehoben wird um später in einer Bleistiftwerkstatt angebohrt zu werden mit dem Ziel aus der Gehirnmasse Radiergummikappen für Bleistift zu fertigen.
Bilder, denen ich mich nicht zu entziehen wusste.
Bunt statt Braun
Aufklärer gesucht
Heute ist eine aktuelle Ausgabe der Schülerzeitung erschienen, für die ich zwei Artikeln schreiben durfte. Einer jener Artikel ist meiner Arbeit bei der Schul-AG gewidmet, über die ich hier hin und wieder berichtet habe.
Innerhalb einer Seite versuchte ich einen Eindruck über einen tatsächlichen Schulbesuch bei einer Hauptschule im Ahlem zu vermitteln, der aus meiner eigenen subjektiven Perspektive versucht unsere Arbeit und die damit verbunden Intentionen darzustellen.
Dem Artikel schließt sich ein Interview mit der gegenwärtigen Koordinatorin Jule an, die freundlicherweise einige meiner Fragen beantwortete.
Die Schul-AG ist derzeit auf der Suche nach ehrenamtlichen Aufklärern, die sich in einem bunten, jungen Team der Aufgabe stellen wollen, über alternative Lebensweisen – alternativ zur Heteronormativität – aufklären zu wollen um Denkanstöße anzuregen und möglicherweise einen Eindruck eines toleranten Miteinanders zu vermitteln zu können.
Schulen scheinen die Möglichkeit einer Informationsquelle aus erster Hand – von Menschen die abstrakten Begriffen wie queer Gestalt verleihen – zu schätzen, weshalb wir ein größeres Team anstreben um den Anfragen nachkommen zu können.
Derzeit verteilen wir Plakate, Postkarten und schalten Anzeigen um auf das Projekt aufmerksam zu machen.
Twitter Peaks
…denn sie wissen nicht was sie tun
James Dean ist die große Legende einer Generation, die sich unverstanden und allein gelassen fühlte. Eine vielleicht verlorene orientierungslose Generation.
Dean in der Rolle des jungen Jim Stark, der mit seinen Eltern und der Polizei des häufigeren im Konflikt steht, erhebt sich zum Symbol einer Jugend, an dem die Brüche zwischen der Eltern- und der Kindergeneration offenbar werden.
Jim schließt sich einer Bande an, die aus heutiger Sicht zugegebenermaßen an eher an ein Grease-Musical, als eine Gang gefährlicher Halbstarker. Die Gruppe verlangt von Jim eine Mutprobe bei der ihr Anführer Buzz (Corey Allen) einen tödlichen Unfall erleidet.
Jim entschließt sich zusammen mit Judie (Natalie Wood) und dem sonderbaren John (Sal Mineo) – von allen Plato genannt – zu fliehen, da die Bande Jim verdächtigt für Buzz’ Tod verantwortlich zu sein und ihn bei der Polizei entsprechend versucht anzuschwärzen.
Allerdings ist Plato im Besitz der Waffe seiner Mutter. Als Jim, Judie und er von Buzz ehemaligen Freunden in einer alten Villa gestellt werden, schießt Plato einen der Jungs an, wird später von der Polizei selbst erschossen.
Ein Film der zu seiner Zeit sichlich die Gemüter sehr erhitzte. Aus gegenwärtiger Sicht vermisse ich allerdings die notwendige pyschologische Beleuchtung, die dem Film zumindest in Ansätzen bei Jim gelingt, für mich aber hinter der präziseren Annäherung an den Jugendgeist seiner Generation zurückbliebt: Dem Roman Ein Fänger im Roggen.
Gefährliche Rollbretter sollen verboten werden
Der Elefantenmensch
London zur Zeit der Ripper-Morde - eine Stadt im Griff des scheidende 19. Jahrhundert. Der junge Arzt Dr. Frederik Treves (Anthony Hopkins) trifft während eines Jahrmarkt auf eine Laune der Natur – a freak of nature. Joseph Merrick (John Hurt) reist seit einiger Zeit als Attraktion seines „Besitzers“ Bytes (Freddie Jones) durch die Dörfer und Städte Englands und Belgiens. Viele Menschen ergötzen sich an seinen bizarren Deformationen.
Joseph, den Treves mit dem Namen John ein wenig anonymisierte, leidet an dem damals unbekannten Proteus-Syndrom, die damals für eine besonders ausgeprägte Form der Elephantiasis gehalten wurde, ist ein verängstigtes Geschöpft. Da er aus Angst während der Untersuchung und Präsentation als wissenschaftliche Sensation kein Wort spricht, hält ihn Dr. Treves für ein bemitleidenswertes, schwachsinniges Geschöpf.
Nachdem Merrik von Bytes misshandelt wird und der Doktor ihn zur Genese in das Hospital holt, bemerkt er, dass John nicht nur Sprechen kann, sondern bemerkenswerte Liebenswürdigkeit und ein Gefühl für Ästhetik sein eigen nennt. Der dem jungen Arzt wohlgesonnene Chefarzt Carr Gom (Sir John Gielgud) sind beeindruckt von dem gepeinigten Mann und rätselt, wie viel er wohl schon erlitten haben müsse. Schließlich gelingt es den beiden Ärzte den zwielichtigen Bytes von ihrem Patienten fern zuhalten. Selbst die ruppige Oberschwester Mrs. Mothershead (Wendy Hiller) beginnt „den Elefantenmenschen“ nach anfänglichen Bedenken in ihr Herz zu schließen.
Der plötzliche Besuch der Theaterschauspielerin Mrs. Kendal (Anne Bancroft), die mit ihm Shakespeare liest, kommt für den außergewöhnlichen John einem Ritterschlag gleich: Fortan stehen ihm die Türen der oberen englischen Gesellschaft offen. Schließlich erwirkt Königin Victoria, dass ihm das Krankenhaus Räume und Verpflegung auf Lebenszeit zur Verfügung zu stellen habe.
Nachdem es Bytes noch einmal gelingt Bytes Merrik zu entführen, kann dieser mit der Hilfe anderer „Freaks“ fliehen. An einem Bahnhof wird der Verhüllte von einer Rotte aufgegriffen. In die Enge getrieben schreit er:
„Ich bin kein Tier. Ich bin ein menschliches Wesen. Ich bin ein Mensch ( I am not an elephant! I am not an animal! I am a human being! I am a man! )!“
David Lynch hat den hochkarätig besetzten Film mit großer Sensibilität inszeniert. Mir scheint, als könnte der Der Elefantenmensch als Parabel der Toleranz und des Mitgefühls verstanden werden. Wie behandeln wir den Fremden, den Anderen? Akzeptieren, also dulden, tolerieren oder annehmen wir ihn an? Ein Film, der menschliche Beweggründe offenbart; der zeigt, dass die vermeintlichen Launen der Natur nicht die eigentlich Bestien sind, sondern das Monster sich vielmehr in deren Betrachter zu manifestieren droht.
Freddie Francis Kameraführung kreiert unter Lynch eine anrührende, sentimental dennoch niemals kitschige Atmosphäre. Sie zeigen ein in einem gespenstischen London getaucht in die Dampf- und Rußschwaden industrieller Moderne schleppenden Geschöpf, sie zeigen einen durch klaustrophobische Gassen eilenden Arzt.
Der Elefantenmensch ist einer der wenigen Filme, der längere Zeit beschäftigt.
Update: John Hurt wurde auf den an die Berlinale angeschlossenen Teddy Awards mit einem besonderem Preis geehrt.
Taxi Driver
Der junge Ex-Soldat Travis Bickle (Robert de Niro) beginnt im New York der 1970er dem Job als Taxifahrer nachzugehen, der seinen unterschwelligen Aggressionen zu katalysieren scheint. Nachdem er Betsy (Cybill Shepherd) begegnet, verfolgt er sie zu bis zu ihrem Arbeitsplatz. Ungewöhnlich direkt spricht er sie an und vereinbart mit ihr ein Date. Betsy zieht sich allerdings völlig von ihrem Verehrer zurück, als er diese in ein Pornokino einlädt.
Eine Szene, die Jahre später in Das weisse Rauschen [sic] referenziert werden soll.
Während einer Fahrt steigt die außergewöhnlich junge Prostituierte Iris (Judie Foster) in seinen Wagen, wird aber augenblicklich von ihrem Zuhälter Matthew „Sport“ zur Rückkehr bewogen. Und allmählich beginnt Travis, der selbst gelegentlich Teil dieser Halbwelten ist, in den, wie er es bezeichnet, „Dreck“ hineingezogen zu werden. Von seinen neidischen Kollegen, die ihm keine wirkliche Hilfe sind, entfernt er sich immer mehr.
Nach einem Gespräch mit einem gehörnten Ehemann, der während einer Fahrt seine perfiden Mordphantasien seiner Frau gegenüber kund tut, beschließt sich auch Travis Waffen zu kaufen mit denen er fortan mit seinem Spiegelbild trainiert.
Travis’ merkwürdige Vorstellungen steigern sich zu einem nun scheinbar unausweichlichen Höhepunkt zu, so dass er sie mit Irokesenschnitt und Sonnenbrille ausgestattet in einem blutigen Amoklauf entlädt.
Vor allem das interessant gestaltete Ende des Films, die schroffe Sprache der Straße und der sich aufbauende Wahn des Protagonisten dürfte zu seiner Zeit eine gewaltige Kontroverse ausgelöst haben. Aus heutiger Sicht ist Taxi Driver Gesellschaftsstudie wie auch Zeitdokument. Und wenn ich auch einige Stellen als Längen empfunden habe, war die enorme Wirkung der ungeschminkten Inszenierung, welche Regisseur Martin Scorsese vermittelt, durch das souveräne Auftreten Robert de Niros noch immer spürbar.
Die in diesem Blog vor kurzem erwähnte Bundeszentrale für politische Bildung hat Taxi Driver für ihren Filmkanon ausgewählt und begründet dies mit den Worten:
„Brillant inszenierte und gespielte Studie einer Persönlichkeitsstörung, die auch die im sozialen Umfeld liegenden Gründe analysiert.“
Der perfekte Kellner

Der perfekte Kellner von Alain Claude Sulzer
Ernste arbeitet seit über sechzehn Jahren in einem Schweizer Restaurant.
Sechzehn Jahre adrette Kleidung, sechzehn Jahre lang akkurates Auftreten, sechzehn Jahre lang in einem kleinen Ort von einem bescheidenden Einkommen lebend.
Ernste liest kaum, selbst sein Kleiderschrank hat ist von geringem Wert. Er ist Pragmatiker – der perfekte Kellner.
Das geordnete Leben eines Mannes der sich mit all seinem scheinbar schicksalhaften Lebensumständen eingerichtet hat, wird jäh aus den Fugen gerissen als zwei Briefe ihn mit seiner Vergangenheit konfrontieren.
Mitte September 1966 erhält Ernste einen Brief von Jakob. Jakob, die Liebe seine Lebens, dem er im Frühjahr 1935 während der gemeinsamen Arbeit als Kellner im Grandhotel kennen lernt.
Die beiden jungen Männer beginnen bald ihrer Anziehung füreinander hinzugeben: aus der Perspektive von Ernste erlebt der Leser den ersten leidenschaftlichen Kuss der beiden und anschließend die eine Zeit lang andauernde Intimität, die sich vor allem auf den Sommer 1935 auf das kleine Zimmer beschränkt, dass sich beide teilen.
Der Erzähler berichtet häufig von der Verlustangst des Protagonisten, von Besitzansprüchen des Körpers seines Geliebten.
Doch der junge Jakob nimmt schließlich Zuflucht zu der zweiten gewichtigen Figur des Romans: dem populären Schriftsteller Julius Klinger. Schließlich nutzt Jakob die Chance mit diesem wesentlich älteren Mann – seinem Freier – und dessen Familie nach Amerika auszuwandern.
Auf diese Weise wird Jakob die gemeinsame Verbindung zwischen Ernste und Klinger, der dem Roman als Grundlage für die Enthüllungen über dem Verbleib von Jakob bildet.
All dies erfährt der Leser in verschiedenen Flashbacks von dem Jahr 1966 in das Jahr 1935, anhand der Autor geschickt die traurige Geschichte über die Geburt und den Tod der einzig wahren Liebe zweier Menschen erzählt, die in einer Gesellschaft leben, deren augenscheinlich fein saubere Leben keinen 0ffenen Umgang mit dieser Liebe zulassen.
Gleichzeitig zeigt er die zerstörerische Kraft unterdrückter Sexualität, von Lebenslügen und Doppelleben. Eine Geschichte die von einer tragischen Einsamkeit Menschen berichtet, deren eine Identität gleich dem Anzug eines Kellners nicht deren tatsächliche ist.
Die Stellen im Roman, die in den Kitsch abzugleiten drohen, hat der Sulzer auf sehr wenige beschränkt. Dabei gelingt es ihm sich eng an die nüchterne, beobachte Hauptfigur Ernste zu halten, deren Hingabe an Jakob nachdenklich macht.
Abgesehen von den ersten Seiten empfand ich Der perfekte Kellner mit zunehmenden Fortschritt der Erzählung als eine traurige Geschichte über ein Los, dass ich in ähnlicher Weise beinahe selbst gewählt hätte.
Dem eldenen Spender: Vielen Dank!















