Babylon
Einer heiligen Reliquie gleich ruht das Fossil des Archäopteryx hinter gläserner Wand von Lichtstrahlen inszeniert, wie in einem heiligen Schrein der Wissenschaft. Museumsbesucher mit ihren staunenden Mündern für Augenblicke in Pilger verwandelt. Doch statt gottgegebener Erfurcht mag es neugiere Skepsis sein, die sie treibt.
Währenddessen räkelt sich die Hure Babylon als Schwarz-Weiß-Projektion auf einem übergroßen Leinwand, Besucher strömen an ihr vorbei, wie durch eine Allee anklagend dreinblickender Sphingen; ihre Brust ist entblößt, die anderen Leinwand steht Kopf.
Am vergangen Sonntag: Nick und ich in Berlin.
Wir besuchten das Museum für Naturkunde der Humboldt Universität und die Ausstellung Babylon – Mythos und Wirklichkeit im Pergamonmuseum.
11 Uhr. Der nächstgelegene Starbucks sollte erste Station unserer kleinen Reise sein. Dort wurde ich “Opfer” eines kleinen Missgeschicks: die Verkäufer schenkten mir Cappuccino anstelle von Chai Tee in den coffee-to-go-Becher. Dies bemerkte ich erst, als wir beide schon Meter von des Kaffeehauses entfernt waren, musste den Becher schweren Herzens entsorgen, da ich Kaffee weder mag noch sich dieser mit meinem Magen verträglich zeigt.
Anschließend bestaunten wir die frappierende Größe des Brachiosaurus-Skeletts, das im Museum für Naturkunde ausgebaut worden war. Zahlreiche Kinder schienen außer sich vor Begeisterung und auch ich gehöre zu der Generation jener, die als Kinder mit Interesse für diese Urzeitriesen aufgewachsen ist. Insbesondere Flugechsen hatten mich fasziniert; einige Fossilien dieser Wesen waren auch am Sonntag ausgestellt gewesen.
Versteinerungen der Ammoniten als Zeugnis des Paläozoikums, in der Periode des Devon erstmals auftretende Kopffüßer und andere merkwürdig anmutende Abdrücke von frühen Gliederfüßern. Befremdlich und dennoch faszinierend, die frühen Phasen des Lebens, in denen Giganten als wiederkehrendes Muster auftreten.
Der Ausflug in die Vergangenheit fand seinen Fortsetzung in der Ausstellung Babylon – Mythos und Wirklichkeit. Eine zweiteilige Ausstellung – Fotografien nicht erlaut -, welche Mythos von Wahrheit zu trennen suchte.
Im mythologischen Teil standen die biblischen Schilderungen im Vordergrund, welche die Sprachverwirrung aus menschlicher Hochmut, den Turm von Babel, Sünde und Laster und das Sinnbild für die “falsche” Religion beinhalteten. Später dann die protestantische Sichtweise, die im Papsttum die Hure Babylon erkannt haben möchte, der eine grausame Verwüstung bevorstehe. Das Schicksal jener Hure scheint auch Thema des Pop-Prophet Xavier Naidoo zu sein.
Die Videoinstallationen von verschiedenen Künstlern, die sich einem mythologischen Aspekt Babylons widmeten, bildeten für mich den Kern der Ausstellung.
Der Teil der Ausstellung, welcher sich mit den Fakten beschäftigte beeindruckte durch das mächtige Ischtar-Tor. Zahlreiche Verzierungen und heute als vielleicht kitschig empfundene Abbildungen von Blumen zierten einst den Eingang der von der Prozessionsstraße in das innere der Stadt mit den mächtigen Mauern führte.
Der besagte Turm soll tatsächlich existiert haben – er war das Zikkurat des Tempels der Hauptgottheit Marduk und wohl deshalb den Bibelschreibern ein Dorn im Auge. Jener Gott nahm bei den Babyloniern im Laufe der Zeit eine immer zentralere Rolle ein und obwohl sie und vielleicht auch im Anbetracht dessen, dass dieses Volkes Kultur nicht so lange bestand, keinen Monotheismus entwickelten.
Gerne hätte ich mir noch mehr Steintafeln mit der typischen Keilschrift angesehen. Doch dann scheuchten uns das unfreundliche Museumspersonal richtung Ausgang – “Wir schließen gleich!”.













