Archiv für März 2008
Kolonialisierung
Fingerprint
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Der Chaos-Computer Club hat den Fingerabdruck des Innenministers erworben, dann veröffentlicht.
Dies ließe ihn kalt.
Wie lange noch?
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Bindungstheorie 2.0
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Ein Paar. Diana und ich. Für die Bedienung im Apollo Konzept, zumindest.
Als ich zu widersprechen versuchte, meinte Frau Erdbeerwelt zu der jungen Frau sprechend, sie solle nicht auf mich hören.
Gemeinsame Kinderwünsche könne ich nicht erfüllen und auf gelegentliche Kopulation müsse sie auch verzichten, scherzte ich, anschließend.
In Alupapier gewickelt hatte sie mir Proust lesen überreicht. Hochzeitsgeschenk? Mitgift?
Uns gegenüber saßen Daniela und Andreas.
Zu viert einen gemeinsamen Abend verbracht, lachend.
Im Hintergrund wurde ein Film über The Who auf eine Leinwand projeziert, jemand spukte direkt hinter mir und Diana gegen die Glasschiebe, von außen.
Ich trank Tee und Cola. Niemand rauchte.
Irgendwann trat ein mehr oder weniger angeheitertes, grau-meliertes schwules Paar ein, tönte laut.
Die Ha.usfrau erklärte anschaulich gestikulierend, wann immer ein Shake porno sei.
Baldiges Wiedersehen, vielleicht im Theater.
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Egoshooter
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Neunzehn Jahre ist Jakob alt. Und Schütze. So die ersten Filmminuten seines Videotagebuchs.
Fragmentarisch sind seine Aufzeichnungen. Egoshooter, scheinbar ohne linearen Handlungsstrang. All dies dürfte den Massen vor den Kinokassen nicht mehr als ein schlichtes Achselzucken abgewinnen.
Tatsächlich geschieht nicht sehr viel in den siebzig Filmminuten.
Am Ende: Das Leben sei ein ständiger Wandel, zeichnet der junge Mann trotzig auf.
Jakob als ein Spiegelbild einer bindungsunfähigen Generation: allein gelassen.
Voyeuristisch – diesem Blog gleich, vielleicht – beäugt er sich selbst, die anderen.
Als könne Aufzeichnung allein seinem Leben Sinn verleihen, seinem Wesen Liebe schenken.
Die traurigen Augen des Hauptdarstellers Tom Schilling spiegeln die Sehnsucht eines jungen Mannes wieder, der nach Identität – er könne sich nicht mehr an seinen Vater erinnern; lediglich an ein Foto – und Liebe – er verliebe sich ständig – hungert.
Als sein Bruder ihm gesteht, er sähe aus wie ein Boxer, als er sich wegen eines Sturzes ein Heftpflaster über die Nase klebte, erscheint dies wie ein unbewusster Hinweis in Richtung des verloren Geglaubten Ankers Ursprung – auch das oberflächliche Gespräch über Jesus erreichen den entwurzelten Jungen nicht.
Egoshooter ist eine leise, nahezu geräuschlose Dokumentation gegenwärtiger Orientierungslosigkeit -ohne moralischen Fingerzeig, ohne Scheitern. Stattdessen: Momentaufnahme einer Beobachtung.
Zwischenstation.
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Totgeglaubte
Doch nicht!
Berllin.
Das ehemalige Stasigefängnis in Hohenschönhausen wäre unser Ziel gewesen. Kommender Dienstag.
Zu langwierig die Busfahrt – von dem Lehrkörper abgesagt.
In Berlin halte ich mich gerne auf, eigentlich.
Rückblickend betrachtet: ein makaberer, vorzeitiger Aprilscherz.
Homo faber
Der Roman Homo faber von Max Frisch: die diesjährige Lektüre im Deutschunterricht.
Entgegen der Unkenrufe im Klassenzimmer, als der Deutschlehrer diesen Roman ankündigte zum Trotz: Lesenswert.
Dies mag an den skurrilen Neurosen und Gedankengängen der Figur Walter Faber liegen, aus deren Perspektive Frisch das Weltbild einer allzu technophilen Generation schildert.
Ein Werk voller Kritik an einer allzu extremen, nahezu religösen Technikgläubigkeit , an der Nachahmung des American Way Of Life und an dem Jugendwahn unserer Zeit.
Eine Figur, die an ihren eigenen Extremen scheitern muss und erst in Todesnähe eine dem Hiob ähnliche Wandlung erfährt.
Der folgende Satz dürfte in unserer Klasse für Diskussionsstoff sorgen:
“Hanna beschloss, gescheiter zu sein als alle Jungs von München Schwabing, und gründete einen geheimen Mädchenklub, um Jehova abzuschaffen.” (S. 183. Surkamp Ausgabe. Hervorhebung vom Artikelautor)
Fünfzig Jahre haben seit dem Erschienen dieses Romans nicht sehr viel an der Vergötterung der Technologie durch den homo sapiens geändert.
Ironischerweise ist dieser Blog selbst ein Zeichen dafür.
Der Mensch und seine Extreme.
Der Mensch und seine Ideale.
Drei Jahre
Ostern 2005. Ein alles andere als beschauliches Fest.
Die Krisis in ihrer Blüte. Am runden Tisch mit meinen Eltern. Meere aus Tränen. Gebete, Flehen, Bitten. Angst in ihren Augen. Entschlossenheit in den meinen.
Ostern 2008. Mit meinem Bruder über die vertraute, wenn auch nicht mehr heimatliche bayerische, asphaltierte Erde. Elektro tönt aus den Lautsprechern des Autoradios; DIGITALISM, insbesondere.
Zuerst besuchen wir meine Schwester. Ihr junger Hund heißt Fiona. Sie setzt Teewasser auf, hofft, dass mir der Tee aus Mauritius schmeckt.
Schnee fiel sanft, den ich einen Augenblick lang beobachte, als ich meiner Schwester Kaninchen streichelte.
Nach einiger Zeit bricht die ihr ureigene Herzlichkeit durch. Aufgeregt zeigt sie uns Bilder, die sie mit ihrem Mann auf Reisen zeigen.
Mein Bruder und ich fahren weiter. Und reden kaum. Es regnet stark. Überholende Autos erzeugen eine Gischt und dich fühlte mich an eine Wasserbildbahn erinnert. Aber kein Aquaplaning auf der Autobahn.
Mindelheim. Mein Bruder und ich albern über den merkwürdigen Dialekt, die Eigenarten und Verschrobenheiten ländlicher Menschen.
Sie haben ihr Ziel erreicht: Meine Eltern begrüßen mich sehr stürmisch. Als ob sich nichts geändert hätte – vor drei Jahren.
Vertrautheit, gemeinsam Lachen über Vergangenes, gemeinsam Erlebtes. Gewisse Themen werden gemieden, bleiben außen vor; ich bemerke, wie wir uns innerhalb gewisser Grenzen frei bewegen.
Tags darauf, ich habe ein mir wichtiges Buch vom Dachboden meiner Eltern gerettet, sitzen mein Bruder und ich wieder in seinem Automobil.
Richtung: Tante, Onkel, Oma. Das volle Programm. Nervös werde ich erst, als wir wenige Meter vorher eintreffen. Die Freude, leuchtete groß in den Augen der Gastgeber.
Die Großmutter, immer wieder fassungslos über das Alter ihrer Enkel: Richtige Männer, wiederholt sie mehrfach. Drei Jahre nicht mehr hier gewesen. tempus fugit.
Was zwischen uns kam. Und doch nicht die Oberhand gewann.
Drei Jahre Freiheit. Am Horizont Silberstreifen der Hoffnung. Allmählich, eher als gedacht.
Gott Mutter
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München: Mein Bruder und ich begrüßten uns herzlich an dem mir fremd gewordenen Münchner Hauptbahnhof, donnerstags.
Vertrauliche Gespräche bei einer Tasse Tee in seiner neuen Wohnung folgten.
Alsbald war Religion unser Thema.
Die Doktrin. Der Ausstieg. Reaktion der Eltern: Das Unfassbare, ihre größte Angst.
Deren Perspektive: Verlorene Söhne, der eine aufgrund der Verführung seiner eigenen Sexualität fortgerissen, der andere Opfer seiner eigenen Überlegung, zur verhassten Evolutionstheorie bekehrt.
Dennoch Durchbruch uralter Bindungen: wie Zuneigung sich ihren Weg bahnt und die entmenschlichte Kontrollfunktion Schärfe der Doktrin zeitweise umgeht. Und ein bisschen Einsicht am Horizont, vielleicht.
Die ewig-idealisierte religöse Gottestreue auserwählter Völker: Der Artikel Gott Muttter aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT von besonderem Interesse.
Themenwechsel: Aus werdender Liebe zur Kunst und Kultur sahen wir gegen Abend das sehenswerte Kunstkolleg MacArt.
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Das weisse Rauschen
Daniel Brühl. Seine Wirkung auf mich leunge ich nicht. Dennoch ist es nicht nur das: sein Spiel in Das weisse Rauschen [sic], indem er die Wandlung eines Landeis hin zu einem an schizoidem Wahn Leidenden derart glaubwürdig mimt, verwundert mich.
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Weißes Rauschen: das Geräusch, gehört, wenn sämtliche Radiofrequenzen gleichzeitig abgehört werden. Metapher für die Stimmen, die Lukas zu hören beginnt, nachdem er pyschogene Drogen einnahm. Und tagelanger Wahn, der in einem Fenstersturz endet.
Da wirkte der Film Taxi Driver, den er mit einer Partybekanntschaft sehen möchte, wie ein Menetekel.
Seine Schwester, die sich nicht mit der Diagnose und der Medikation nicht abfinden will:
“Das so genannte Lifetime-Risiko, an einer schizophrenen Psychose zu erkranken, beträgt 1 Prozent, das heißt, statistisch gesehen durchlebt jeder Hundertste mindestens einmal im Leben eine schizophrene Episode. Schizophrenie ist also eine verbreitete Krankheit.”
weiß auch die Wikipedia.
Dann die Medikamente. Ständige Einnahme.
Der Arbeitsplatz wiederum ein Bild für die Kakophonie, in der Lukas ständig zu ertrinken droht.
Und am Meer endet diese Geschichte, offen.
Ein Film der durch Verwendung einer Handkamera eine voyeuristische Nähe erzeugt, die andere Inszenierung vielleicht nur durch ein höhres Budget erreichen. Bin mir bewusst: da draußen gibt es viele, die sich über das “Wakeln” beschweren und lieber Hochglanz-Bilder sehen.
Doch die Wirkung des Films wäre eine andere. Distanz und die Nähe eines unmittelbaren Augenzeugen gleichzeitig.
Das Publikum als Zeuge der Ohnmacht. Und kein Fluchtpunkt.
Beeindruckend.















